Das Fraunhofer IML ist mit dem BME eine Kooperation eingegangen um den Stand des Einkaufs bei der Digitalisierung, als auch die erwarteten Auswirkungen der Digitalisierung unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ für den Einkauf zu erfassen. Der Einkauf unterliegt dabei einem starken Zugzwang mit der Digitalisierung Schritt zu halten, die Autoren identifizieren mehrere zentrale zukünftige Aufgaben und Anforderungen für den Bereich.

Die Studie des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik IML in Kooperation mit dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) ist hierbei eine Vorstudie zur Digitalisierung im Bereich Einkauf. Der Studie stellen die Autoren die These voran, dass „die vierte industrielle Revolution dem Einkauf die einmalige Chance bietet, der Forderung nach seiner strategischen Rolle gerecht zu werden“. Die Ergebnisse der Studie basieren auf Interviews mit mehreren Entscheidungsträgern verschiedener Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen und verschiedener Größen. Der aktuelle Stellenwert von Industrie 4.0 für das Gesamtunternehmen wird von Befragten durchwegs als hoch angegeben, der Einfluss sei groß und werde sich zukünftig noch verstärken. Im Speziellen im Bereich Einkauf ist das Ergebnis nicht so eindeutig: Vertreten werden hier Meinungen von geringem Einfluss solcher Technologien auf den Einkauf, als auch das der hohe Einfluss auf das Gesamtunternehmen auch im Bereich Einkauf zu Tragen kommt.

Bei der Frage nach der Umsetzung konkreter Anwendungen fallen die Ergebnisse folgendermaßen aus: Bei 27 % sind erste Anwendungen in der Umsetzung, bei 18 % sind diese Anwendungen kurz vor der Umsetzung. Je 9 % haben Überlegungen zur konkreten Umsetzung bzw. das Potential erkannt. Nur 5 % verzeichnen keine Aktivitäten. 23 % geben an, dass ein bis zwei Anwendungen bereits umgesetzt wurden, bei 5 % sind es mehr als drei. Die Zahlen liegen somit nur knapp unter der entsprechenden Einschätzung bezüglich des Gesamtunternehmens. Umgesetzt sind hierbei vor allem Technologien zur Datenerfassung und -bearbeitung. Ein Fokus ist die Schnittstelle zum Kunden zur Steigerung der Serviceorientierung. Für die Zukunft werden vor allem die Digitalisierung von Bestell- und Purchase-to-Pay-Prozessen sowie die Einführung elektronischer Plattformen erwartet.

Während in den meisten Unternehmen eine Strategie zur Digitalisierung vorhanden ist, erstreckt sich diese nur teilweise explizit bis auf den Bereich Einkauf. Die digitale Transformation wird dabei unterschiedlich angegangen, so geben 45 % der Befragten an, dass eine zentrale Einheit hierfür im Unternehmen gibt, 32 %, dass die Vorgänge dezentral gesteuert, jedoch abgestimmt und zentral erfasst werden, 14 %, dass eine dezentrale Steuerung vorliegt, jedoch ohne Abstimmung und zentrale Erfassung und 9 % geben an, dass es gar keine Aktivitäten zur Transformation gebe. Dabei hängen Vorhandensein von Strategie und zentraler Koordination zusammen, nötig sind jedoch weiterhin auch Roadmaps mit konkreten Aufgaben und Maßnahmen. Dazu gefragt, welche Rolle der Einkauf bei der Digitalisierung des Gesamtunternehmens spielen sollte, sehen 28 % den Einkauf in der Rolle des Vorreiters und Treibers und 72 % als aktiven Gestalter und Wegbereiter.

Ziele der Digitalisierung im Einkauf sind Folgende: Echtzeitverfügbarkeit von Daten und Informationen, bessere Qualität und Verfügbarkeit sowie Zugriff auf die Daten von überall, sowie ein vollautomatisierter Informationsfluss. Schnellere, digitalisierte Prozesse und Abläufe, welche durchgängig und standardisiert sind und letztlich autonomisiert werden können. Die Personalplanung soll verbessert, Mitarbeiter entlastet und Tätigkeiten gebündelt werden. Die Wettbewerbsfähigkeit soll so erhalten, die Kommunikation mit Kunden und Lieferanten erleichtert werden. Die stärkere Entwicklung zum Dienstleister soll neue kundenorientierte Geschäftsmodelle hervorbringen. Diese Ziele sollen zur Vision des Einkaufs 4.0 führen: Durch die komplette Digitalisierung des operativen und administrativen Bereichs entfällt der operative Einkauf. Hierdurch wird dieser ebenfalls schrumpfen, da weniger Mitarbeiter benötigt werden. Diese Mitarbeiter benötigen zukünftig viele neue Fähigkeiten, da sie Funktionen als Koordinatoren, Berater, Produktentwickler, Datenanalysten und Schnittstellenmanager übernehmen müssen. Der strategische Einkauf wird so zukünftig zu einer kleinen, hochqualifizierten Gruppe bestehen. Die zentrale Rolle wird jedoch beim Menschen verbleiben, da der persönliche Kontakt von hoher Wichtigkeit bleibt.

Die Studie identifiziert zuletzt drei wichtige Handlungsfelder auf dem Weg zum Einkauf 4.0. Die Digitalisierung des Einkaufs: Unumgänglich ist die konsequente Digitalisierung der Prozesse und Handlungen des Bereichs. So ermöglichen digitale und autonome Einkaufsprozesse die Konzentration auf die strategischen Aufgaben des Einkaufs. Die Digitalisierung des Beschaffungsportfolios: Die Kernaufgabe, Beschaffung und Wertschöpfung, ist auf digitale Produkte und Lösungen zu erweitern.  Weiter muss das Portfolio um neue Produkte und Komponenten erweitert werden, welche von den eigenen neuen Produkten benötigt werden. Um dies erfüllen zu können, wird entsprechendes Know-how ebenso wie eine interne Vernetzung zu anderen Abteilungen mit entsprechendem Fachwissen benötigt. Dieses ist nötig um den Lieferanten in Bezug auf Technik und Systeme ein gleichwertiger Partner sein zu können. Von der Funktionssicht zur Prozesssicht: Die Operationalisierung der Digitalisierung ist Voraussetzung für die zwei o.g. Punkte. Erst wenn Abteilungs- und Unternehmensgrenzen für möglichst echtzeitnahen Austausch von Informationen durchlässig geworden sind und alle Akteure zusammenarbeiten, kann eine konsequente Digitalisierung des Einkaufs und des Beschaffungsportfolios möglich werden. Hierdurch verschiebt sich die Perspektive auf den Einkauf: Er wird von der Funktion zum Prozess. Diese sind anspruchsvolle Forderungen. Die interne Digitalisierung wird, wie die Studie zeigt, bereits bei den meisten Unternehmen angegangen und ist an sich sehr anspruchsvoll und mit entsprechendem Aufwand verbunden. Die digitale Vernetzung mit anderen Unternehmen stellt jedoch eine weitere sehr komplexe Aufgabe dar, da hierbei die Koordination mit anderen Akteuren notwendig wird, was die Angelegenheit nur verkomplizieren kann. Weitere Informationen zur Studie und Möglichkeiten diese abzurufen finden Sie hier.

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Quelle:
www.bme.de