Regionale Unterschiede und der Matthäus-Effekt

Dass angesichts des Fachkräftemangels und eines sich dynamisch verändernden Arbeitsumfeldes das lebenslange Lernen in punkto beruflicher Qualifikation wichtig ist und dabei gerade im eigenen Unternehmen stattfinden muss gilt mittlerweile als Konsens. Auch der Nutzen solcher Learning-Maßnahmen für Arbeitnehmer, wie Arbeitgeber ist belegt. Dennoch zeigt nun eine Studie, dass in Deutschland Entwicklungspotential von Mitarbeitern nicht ausreichend gefördert wird, mehr Steuerung beim Learning nötig ist und erhebliche regional Unterschiede bestehen.

Bestandsaufnahme.

Laut einer kürzlich erschienen Studie der Bertelsmann-Stiftung nahmen im Jahr 2015 12,2 Prozent der Bevölkerung an beruflichen Weiterbildungsmaßnahmen teil. Dabei wurden massive regionale Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern festgestellt. Das Schlusslicht bildete dabei das Saarland mit einer Weiterbildungsquote von gerade mal 7,8 Prozent. Fast doppelt so hoch war die Quote im Spitzenland Baden-Württemberg mit 15,3 Prozent. Regionale Unterschiede in Punkto beruflicher Weiterbildung bereits in Stellenangeboten, hat auch eine Untersuchung eines deutschen Vergleichsportales ergeben. Ähnlich wie in der Bertelsmann-Studie schnitt dort Berlin besonders negativ ab, aber auch Großstädte wie München wiesen nur eine geringe Quote an Weiterbildungsangeboten in Stellenanzeigen auf.

Neben diesem regionalen Gefälle zwischen Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, die das vorhandene Potenzial weit überdurchschnittlich ausnutzen und schwächelnden Ländern wie dem Saarland, Berlin und Brandenburg, aber auch dem wirtschaftlich starken Hamburg ergab die Studie auch erhebliche Unterschiede bei der Weiterbildung zwischen geringqualifizierten und hochqualifizierten Arbeitskräften, sowie eine starke Abhängigkeit vom Einkommen der Einzelnen. Dieser Zusammenhang von Einkommen und Weiterbildungsbeteiligung ist sogar unter einem eigenen Namen bekannt geworden, dem Matthäus-Effekt. So liegt, laut der Adult Education Survey der Europäischen Union, die Beteiligung an betrieblicher Weiterbildung bei einem Einkommen zwischen 750 und 1.500 Euro brutto pro Monat nur bei 24 Prozent, bei einem Bruttoeinkommen von über 3.000 Euro aber bei 62 Prozent. Auch im Vergleich von gering- mit hochqualifizierten Arbeitskräften zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Dabei ist gerade für die berufliche Entwicklung die betriebliche Weiterbildung eine wichtige Stütze. Eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer unter Teilnehmern von betrieblichen Weiterbildungsmaßnahmen kam heraus, dass nahezu zwei Drittel der Befragten die Auswirkungen der Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen auf ihre berufliche Entwicklung als positiv bewerteten. Sie sind entweder aufgestiegen, haben einen größeren Verantwortungsbereich oder konnten sich finanziell verbessern. 85 Prozent der Befragten meinten, dass sie durch die Weiterbildung ihren Blickwinkel erweitern konnten, nun Zusammenhänge ihrer Arbeit besser begreifen können und dadurch souveräner im beruflichen Umfeld agieren würden.

"Dieser Zusammenhang von Einkommen und Weiterbildungsbeteiligung ist sogar unter einem eigenen Namen bekannt geworden, dem Matthäus-Effekt."

Schlussfolgerung.

Der Leiter der Bertelsmann-Stiftung Jörg Dräger fordert eine bessere und gezieltere Förderung von Geringqualifizierten und wirtschaftlich schwachen Personen. Ein nationales Gesamtkonzept einer Weiterbildungsstrategie jedoch lässt noch auf sich warten, auch wenn Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) mit seinem „Qualifizierungschancengesetz“  einen ersten Schritt gewagt hat. So bleib es vorerst an den einzelnen Unternehmen ihre Mitarbeiter gezielt zu fördern.